Graphematik (Graphemik)

Gesprochene Sprache wird durch geschriebene Sprache für die Nachkommen aufbewahrt. Laute bzw. Lautfolgen werden zur Konservierung verschriftet.

Die Graphematik ist die Wissenschaft von den Schriftsystemen.

Ihr Untersuchungsgegenstand sind die Grapheme und Graphe, die in Analogie zu Phonem und Phon in der Phonologie gebildet worden sind.

Orthographie und Phoneme

Die Orthographie (Schreibung) weist viel größere Ähnlichkeit mit den Phonemen als mit den Phonen (Lauten) auf.

Es besteht keine direkte Beziehung zwischen Lautung und Schreibung.

In der Schreibung beziehen sich die Buchstaben (Graphe) nicht auf die Laute (Phone), sondern auf die Phoneme.

konkrete Realisierung: Phon (Laut) – abstrakte Grundform: Phonem

konkrete Realisierung: das Graph (‚Buchstabe‘) – abstrakte Grundform: das Graphem, kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit der geschrieben Sprache

Allerdings darf man den Begriff Graph nicht immer nur mit einem Buchstaben gleichsetzen, sondern ein Graph kann auch mehreren Buchstaben entsprechen (ie, sch, ng, ch, bb, tz, ck).

Phonem-Graphem-Korrespondenzen deutscher Laute

Korrespondenzregeln (Neef 2005) der Laute des Deutschen

  1. Nullkorrespondenzen

Wenn Buchstaben über keine Phonkorrespondenten verfügen bzw. keine phonologische Korrespondenz vorliegt, spricht Neef (2005, 71) von einer Nullkorrespondenz.

Als Beispiel führt er den Buchstaben <h> an.

Bsp., sehen, führen, drohen,

Hauchlaut [h]
und seine graphematischen Korrespondenten

Nur in wenigen Fällen korrespondiert der Buchstabe <h> mit dem Phon [h].

Der Hauchlaut wird im Deutschen ausschließlich im Silbenonset (Silbenansatz) realisiert (im Französischen ist in dieser Distribution das <h> stumm, vgl. haute couture):

Phonologische Distribution des [h] (Neef  2005, 71)

Hose, Holunder, hineinlaufen,

Bahnhof, gehören,

Freiheit, sprunghaft, sicherheitshalber

Sahara, subtrahieren, amharisch, Johannes, Itzehoe, Schanghai, ahoi

Ahorn, Uhu, Alkohol, Johann, Tophinke, Scheherazade, Bethlehem, Teheran

 

Buchstabe <h> bei nativen Wörtern

Buchstabe <h> hat in nativen Wörtern (deutschen Wörtern) und Fremdwörtern unterschiedliche Funktionen

bei nativen Wörtern: 

sog. „semiotische Funktion“ als „Dehnungsphonem

Anlaut: ehe, eher, ehemalig, 

vor Konsonantenbuchstaben:   Bahn, Sahne, lahm,

Silbenkoda / Wortende: froh, lichterloh, Stroh,

Silbenkoda: drehen, Drehung, sehen, Seher, Drohne, drohen, Drohung,

redundantes Dehnungs-h nach graphematischen Langvokalmarkern (z.B. <ie>): Vieh, sieh, ziehen, wiehern u.a.

Buchstabe <h> bei Fremdwörtern

Tatsächlich stumm ohne Dehnungsfunktion ist das <h> bei vielen Fremdwörtern,

aus phonologischer Sicht sog. „ornative Funktion“

wie z.B. Methode, Labyrinth, Rhythmus usw.

etymologisch-orthographische Wurzeln in anderen Sprachen (Griechisch, Lateinisch, Französisch usw.)

Deutsche Orthographie wird zusätzlich erschwert.

Neue deutsche Rechtschreibung (seit 1998 in Kraft) hat sich nicht zu einer Vereinfachung überwinden können.

wahrscheinlich aus Gründen der Pietät gegenüber dem klassischen sowie wissenschaftlichen Wortgut im Allgemeinen

Comments are closed.