Morphologie der deutschen Sprache 1


      Abteilung für deutsche Sprache und Literatur

                   Das Morphem

  • Teilen Sie folgende Wörter in kleinste Einheiten, die eine eigene Bedeutung tragen:

          Lehrer                                    Tische

          Buch                                                Kinder

          Mutter                                  gehen

          Schreibtisch                         gefragt

  (ein) kleineres (Auto)              Autos

          bereisen                          verfilmen     

  • Folgende Wörter sind in kleinste Einheiten geteilt, die eine eigene Bedeutung tragen:

          Lehr-er                                  Tisch-e

          Buch                                                Kind-er

          Mutter                                  geh-en

          Schreib-tisch                       ge-frag-t

          (ein) klein-er-es (Auto)     Auto-s

          be-reis-en                             ver-film-en

 

  • Morpheme sind die kleinsten Bedeutungsträger.

          Morpheme sind die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten.

Herkunft: griech.: morphē ‘Gestalt’

  • Die Morpheme lassen sich nach folgenden Kriterien einteilen:

Funktion/Bedeutung – semantisches Kriterium (Lehr-er, Lehr-e)

Selbstständigkeit (Stein, geh-st)

Stellung (Bind-ung, ge-komm-en)

Produktivität (Nacht-musik, Nacht-i-gall)

  • Nach der Funktion/Bedeutung unter-scheidet man folgende Morphemarten:

lexikalische Morpheme (Lexeme) haben Bezug     außerhalb der Sprache.

Wortbildungsmorpheme (Derivateme) dienen zur Bildung neuer Wörter:

grammatische Morpheme (Flexeme) dienen zur Bildung neuer Wortformen und drücken grammatische Kategorien aus.

  • Lexikalische Morpheme (Lexeme): offene Menge: schreib-en, Stern, Fahr-t, schön, schnell

          Wortbildungsmorpheme (Derivateme): (offene Menge): be-schreib-en, Schön-heit

grammatische Morpheme (Flexeme): geschlossene Menge: be-schreib-t, an-ge-nomm-en

  • Bestimmen Sie die Morphemart nach dem semantischen Kriterium:

          Lehr-er                                  Tisch-e

          Buch                                                Kind-er

          Mutter                                  geh-en

          Schreib-tisch                       ge-frag-t

          (ein) klein-er-es (Auto)     Auto-s

          be-reis-en                             ver-film-en

  • Nach der Selbstständigkeit unterscheidet man Folgende Morphemarten:

freie Morpheme / Grundmorpheme / Basismorpheme können allein, “frei” auftreten, d. h. sie können allein ein Wort bilden:

Tisch; Tusch; Tisch  + Tuch = Tischtuch

gebundene Morpheme: können nicht allein ein Wort repräsentieren; sie treten zu einem bestehenden Wort und modifizieren es semantisch/grammatisch.

Tisch-ler; Tisch-e

  • Hinsichtlich der Stellung unterscheidet man folgende Arten der Wortbildungsmorpheme:

Präfixe treten vor das Wort (be-frag-en)

Suffixe treten hinter das Wort (Fahr-er)

Zirkumfixe umschließen das Wort

(Ge-red-e)

Infixe treten ins (lexikalische) Morphem; im  Deutschen gibt es keine Infixe.

Nach Fleischer/Barz (1995: 33) sind bestimmte Verwendungsweisen von Präfixen als Infigierung anzusehen: Das Morphem tritt zwischen Grund-morpheme:

entscheidungsfreudig, entschiedungs-un-freudig

  • Der Oberbegriff für alle oben genannten Morphemarten lautet
  • Affixoide sind Wortbiildungsmorpheme, die aus einem noch vorhandenen freien Morphem stammen:
  • Präfixoide: blitz-: blitzschnell; haupt-: Hauptstraße
  • Suffixoide: –mann: Kaufmann, Fachmann; -wesen: Zeitungswesen, Gesundheitswesen
  • Die Flexeme stehen mit Ausnahme von ge- am rechten Wortrand (sie sind Suffixe). Meistens werden sie Endungen genannt:

          – beim Nomen (Subst.+Adj.) und Pronomen:-(e)s,-(e)n, -e, -er, -em, -ens, -st, Umlaut

          – beim Verb: -e, -(e)st, -(e)t, -(e)n, -end, -te, ge-, Ablaut, Umlaut

          (Fleischer/Barz 1995: 34)

          – Nullmorphem + e/i-Wechsel sind hinzuzufügen

  • Im Deutschen gibt es 63 Flexeme, die durch 13 Lautzeichen repräsentiert sind:

– Nullmorphem Ø, -a, -e, -em, -(e)n, -ien,

          -(e)ns, -(e)nd, -er, –(e)s, -(e)st, -(e)t, -s,

          ge-, Ablaut, Umlaut

  • Hinsichtlich der Produktivität unterscheidet man:

– produktive

– unproduktive Morpheme: unikale Morpheme:

Unikale Morpheme:

– sie sind eingefrorene/erstarrte    Morpheme,

– sie kommen nur in einem Wort vor,

– ihre Bedeutung ist nur sprachhistorisch erschleißbar

Unikale Morpheme:

(i)gam in: Bräutigam = braut-i-gam

ahd. (750-1050) gomo ‘Mann’

– (i)gall in: Nachtigall = nacht-i-gall

germ. *galan ‘singen’

lind in: Lindwurm = lind-wurm

ahd. lint ‘’Schlange, Drache’

him- in: Himbeere = him-beere

ahd. hinta ‘Hirschkuh’

  • Besondere Morphemarten:

Nullmorphem ist der Ausdruck morphologischer Inhalte ohne Laute und Buchstaben: ø

bei den Flexemen: z. B.:

Plural: Schüler (Sg.):Schüler-ø (Pl.); mach-t-e (Prät.) : mach-ø-e (Präs.)

          – bei den Wortbildungsmorphemen: z. B.:

          Nullableitung: Überführung einer Wortart in eine andere ohne äußere Veränderungen (Großschreibung wird nicht berücksichtigt):

essen: (das) Essen

 

  • Besondere Morphemarten:

Allomorphe(me) sind Varianten eines Morphems; sie entstehen durch:

– Ablaut: fahr-e, fuhr

– Umlaut: fahr-e, fähr-st;

e/i-Wechsel: les-e, lies-t; Berg, Ge-birg-e

Das Interfix / Fugenelement steht in Komposita und Ableitungen an der Verbundungstelle zwischen den Morphemen. Es wird nicht als Morphem angesehen. Manche Interfixe sind alte Kasus-/Numerusendungen:

-e-, -(e)n-, -(e)s, -ens, -er-, -i-, -o.

Frau-en-arzt, Arbeit-s-anzug, Staat-s-kasse, Lieg-e-stuhl, theor-et-isch, afrik-an-isch, heid-n-isch, illus-or-isch, Nacht-i-gall, Elektr-o-schock:

(vgl. folgende Beispiele, deren Bedeutungs-nterscshied auf das Vorhandensein bzw. das Fehlen des Infixes zurückzuführen ist:   Landmann, Landsmann)

Die Morpheme sind mehrdeutig/polyfunktionell:

  • er als Flexem: Bild-er, (Dieses Bild ist) schön-er (als meines.), (ein) neu-er (Tisch)
  • als Lexem: Er spielt.
  • als Wortbildungsmorphem:

Fahr-er, Bohr-er

  • Freie Morpheme sind die Lexeme mit Ausnahme der Verben;
  • Gebundene Morpheme sind die Flexeme und die Wortbildungsmorpheme;

(auch Nullmopheme, Fugenelemente)

  • Wortbildungsmorpheme sind Präfixe, Suffixe und Zirkumfixe; Flexeme sind Suffixe (Endungen); Ausnahme: ge-

 

Ablaut

Ablaut (sprech- sprach-, -sproch-)

(regelmäßiger Vokalwechsel in etymologisch zusammenhängenden Wörtern)

 

     Umlaut

Umlaut:

/a/    > /ɛ/                    fall-e : fäll-st

/ɑ:/  > /ɛ:/         Tal : Täl-er

/ɔ /   > /oe/       konn-t-e : könn-t-e

/o:/  > /Ø:/        Sohn : Söhn-e

/u/   > /ʏ/          muss : müss-e

/u:/ > /y:/                  fuhr : führ-e

Nullmorphem

Singular   Plural

          Fenster : FensterØ

          Schüler : SchülerØ

Lexem –    Endungen

Temp.-Pers.

schau  –   Ø   –    e  (1.P.Sg.Präs.)

schau  –    t    –    e         (1.P.Sg. Prät.)

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